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„Lenz“ – Personenkonstellation (Büchner)

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Deutsch-Team
„Lenz“ – Personenkonstellation (Büchner)
lernst du in der Sekundarstufe 5. Klasse - 6. Klasse - 7. Klasse

Beschreibung „Lenz“ – Personenkonstellation (Büchner)

Über Lenz erfahren wir in der gleichnamigen Erzählungen fast nichts. Einen Namen und einen Tag. Aber nichts darüber, woher er kommt und was er vor hat. Das Video erklärt, welche Erzählstrategie dahinter steht. Es erklärt auch, welche Funktion die anderen Personen für die Geschichte von Lenz haben und in welcher Beziehung Lenz zu ihnen steht. Weiterhin wird erläutert, was das radikal Neue in Büchners Erzählweise war. Noch heute empfinden wir Büchner als modern. Warum war das so? Viel Spaß beim Herausfinden.

Transkript „Lenz“ – Personenkonstellation (Büchner)

Georg Büchner: Lenz - Personenkonstellation

  1. Januar bis 8. Februar 1778. Zwanzig Tage im Leben des schizophrenen Dichters Reinhold Lenz. Nur eine kurze Zeit verbringt der historische Lenz im Steintal in dem französischen Gebirge Vogesen bei dem Reformpfarrer Oberlin. Dann verschlechtert sich sein Zustand rapide und Oberlin lässt seinen Zögling nach Straßburg bringen. Soweit ist die Geschichte historisch verbürgt.

Oberlin macht sich Vorwürfe über den schlechten Verlauf von Lenz Aufenthalt und hat das Bedürfnis sich nachträglich zu erklären. Er schreibt einen Rechtfertigungsbericht. Durch einen Zufall erhält Büchner fast 50 Jahre später davon Kenntnis. Büchner formt die Begebenheit zu einer poetischen Erzählung um. Das Personal und die Struktur behält er weitesgehend bei. Es gibt also den historischen Lenz und den poetischen Lenz. Es gibt den Reformpfarrer Oberlin und die Figur aus der Erzählung.

Lenz wandert durch das Gebirge. Damit setzt die Geschichte ein. Büchner stellt Lenz mitten in einen gewaltigen Naturkosmos. Einfach so. Der Leser erfährt nur seinen Namen und den Tag. Nichts über die Vorgeschichte. Auch nichts darüber, wie alt Lenz ist oder wie er aussehen könnte. Stattdessen schildert Büchner, wie Lenz die gewaltige Berglandschaft erlebt. Trotz der wenigen Informationen ist die Hauptfigur deutlich zu identifizieren.

Lenz sehnt sich nach Einheit mit der Natur. Doch fremd und bedrohlich spiegelt die Landschaft nur seinen zerrütteten Seelenzustand wieder.

Pfarrer Oberlins historischer Bericht enthält viele wertende Charakterzuweisungen. Lenz lehne sich beispielsweise gegen Konventionen auf. Er wiedersetze sich seinem Vater, habe Umgang mit Frauenzimmern. Nichts davon bei Büchner. Er wählt einen radikal neuen Weg, um seinen Protagonisten zu charakterisieren. Er gibt kommentarlos wieder, was in der Seele von Lenz vorgeht.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Literatur stellt ein Autor das Leiden eines Geisteskranken in den Mittelpunkt. Büchner schafft es mit literarischen Mitteln, Lenz’ Wahnsinn verständlich und nachvollziehbar zu machen. Das Auf und ab von Lenz' Angstzuständen und der Kampf um sein Selbst bilden das Strukturprinzip des Textes. Nichts Phantastisches wird gezeigt, sondern die Entfremdung und die Desorientierung von Lenz ist als Stoff phantastisch genug.

Die Erzählweise ist eine Mischung aus personalem Erzählen und erlebter Rede. Die Perspektive wechselt zwischen der Welt der Erzählung und dem inneren Erleben von der Hauptfigur. Büchner konzentriert sich auf zwei Figuren. Lenz und seinen Gegenpol Oberlin.

Doch der Leser kennt Oberlin nicht wirklich. Er ist ein Mann ohne Geschichte, ohne Entwicklung, ohne äußere Eigenschaften. Im Text existiert er nur so, wie Lenz ihn erlebt. Somit erhält der Leser nur ein voreingenommenes Bild. Der Pfarrer verkörpert im Gegensatz zu Lenz’ Wahnsinn die Vernunft. Lenz findet im Pfarrhaus zunächst Beruhigung und Schutz. Doch er gerät schnell in eine Abhängigkeit. Oberlin wird eine gütige Vaterfigur für ihn. Oberlin dagegen hat bald das Bedürfnis nach Distanz. Er weiß wohl, dass es Lenz schaden wird.

Er verlässt ihn trotzdem und reist in die Schweiz. Bei seiner Rückkehr hat sich Lenz Zustand stark verschlechtert. Oberlin versucht Lenz dazu zu bringen, von seinem Atheismus und Heidentum abzulassen. Warum hat Gott die Menschen leidend erschaffen? Diese Frage vermag auch Pfarrer Oberlin nicht zu beantworten. Lenz versucht mehrmals halbherzig Selbstmord zu begehen. Oberlin kapituliert und lässt ihn nach Straßburg schaffen. Lenz zieht sich in die völlige Teilnahmslosigkeit zurück. “So lebte er hin” mit diesem spektakulären Satz endet die Erzählung.

Alle anderen Figuren treten nur in einer einzigen Episode auf. Es sind Scherenschnitte. Sie haben nur die Funktion, die Entwicklung von Lenz hervorzuheben und zu unterstreichen. Sein Freund Kaufmann verkörpert den Idealismus der Weimarer Klassik, Lenz lehnt das vehement ab. Aber dennoch ist die Begegnung mit der Figur entscheidend.

Die Bewohner des Tals sind Schablonen für die Sinnsuche von Lenz. Besonders markant sind zwei Szenen: Die erste mit einem lokalen Wunderheiler, der versagt. Die zweite, als Lenz in Sack und Asche versucht ein totes Kind zum Leben zu erwecken. Beide Male wird Lenz in seiner Angst bestätigt: Gott hilft nicht.

Der LENZ ist ein Fragment geblieben. Niemand weiß, wie die Erzählung ausgesehen hätte, wenn Büchner lange genug gelebt hätte. Auch der historische Lenz ist jung gestorben. Darin sind sich Büchner und Lenz gleich, sie hatten beide viel zu kurze Zeit auf der Erde.

„Lenz“ – Personenkonstellation (Büchner) Übung

Du möchtest dein gelerntes Wissen anwenden? Mit den Aufgaben zum Video „Lenz“ – Personenkonstellation (Büchner) kannst du es wiederholen und üben.
  • Beschreibe, wie sich Oberlins und Büchners Darstellungen von Lenz unterscheiden.

    Tipps

    Büchner verwendete eine andere Art der Charakterisierung als Oberlin: Er versuchte nicht explizit zu beschreiben, sondern die Figur des Lenz über die Wiedergabe von deren Gedanken und Handlungen hervortreten zu lassen.

    Wird Lenz äußerlich charakterisiert? Gibt es eine Erzählstimme, die uns Lenz beschreibt? Oder werden eher Handlungen und Gedankengänge von Lenz geäußert?

    Lösung

    Büchners Erzählung basiert auf dem Bericht des Pfarrers Oberlin. Dieser hatte den ihn besuchenden Lenz noch durch Charaktereigenschaften und wertende Beschreibungen dargestellt.

    Büchner wählte einen anderen Weg: Lenz sollte durch seine Handlungen, Gedanken und Äußerungen charakterisiert werden. Um das teils wirre, inkohärente Verhalten von Lenz darzustellen, musste seine Geisteskrankheit verständlich gemacht werden, und das gelang nur über die Identifikation der Leser/-innen mit dem inneren Erleben von Lenz. Wertungen wie Lenz' Auflehnung gegen Eltern und Konventionen ließ Büchner weg, denn sie hätten ein voreingenommenes Bild des Mannes vermittelt.

  • Charakterisiere die Beziehung zwischen Lenz und Pfarrer Oberlin.

    Tipps

    Warum sucht Lenz bei Oberlin Hilfe? Welche Rolle spielt der Pfarrer, und wie symbolisiert er damit den Einfluss des Christentums?

    Lösung

    Lenz wendet sich an Oberlin, nachdem er viel Gutes von diesem berühmten Pfarrer erfahren hatte. Der verwirrte, sensible und geistig leicht zu entflammende Lenz sucht einen Raum, der ihm Halt, Ruhe, Sicherheit und Ordnung in einer sich ihm auflösenden Welt gibt. Diese Sicherheit findet er im Hause Oberlin.

    Oberlin verkörpert die Vernunft, die Lenz fehlt, das sinnstiftende Moment, nach dem Lenz sucht. Doch Lenz Abhängigkeit von diesem weisen Mann wird schnell zu groß und Oberlin fühlt sich durch die Übernahme der gütigen Vaterrolle überfordert. Er hat keine Antworten auf Lenz' Fragen und Probleme und muss schließlich kapitulieren und Lenz seinem Schicksal überlassen.

  • Ordne den beiden Hauptfiguren die jeweils zutreffenden Attribute zu.

    Tipps

    Oberlin und Lenz sind Vertreter der klassischen und der modernen Welt: Die alte geordnet durch den christlichen Gott und den Idealismus, die neue noch zu neu, um geordnet zu sein.

    Lösung

    Oberlin und Lenz stehen im Kontrast zueinander. Sie symbolisieren zwei Weltordnungen, wobei die eine ihre Ordnung noch nicht preisgegeben hat.

    • Die alte Welt, repräsentiert durch Oberlin, spiegelt die Ordnung Gottes und der Ideen und Ideale der Antike, des Humanismus' und der Aufklärung wider. Sie kann als vormodern bezeichnet werden. In dieser Welt herrschen die Vernunft, tradierte Werte, soziale Sicherheit, ein Wissen um den eigenen Platz in der Gesellschaft und daher Orientierung für individuelles und kollektives Streben.
    • Die neue Welt wird durch Lenz dargestellt. Ihre moderne Ordnung kann noch nicht gefasst werden. Das soziale Gefüge, die Trennscheide zwischen Adel und Bürgertum, zwischen gottgegeben und selbstbestimmt, ist aufgehoben. Wer steht wo? Die Zeichen, die sich in Lenz' Wahnsinn zeigen, sind Desorientierung, Atheismus, gegen die Konventionen gewandte Sinnsuche, Entfremdung und eine Loslösung von idealistischen Werten hin zum Realismus.

  • Untersuche den folgenden Ausschnitt und erkläre, welchen Zustand Lenz beschreibt.

    Tipps

    Lese den obigen Ausschnitt langsam und genau, wenn nötig mehrfach, und achte auf Signalwörter wie Harmonie, selbstständig oder feiner im Zitat und in den Aussagen.

    Lösung

    Das für die moderne Welt zentrale Problem der Entfremdung des Menschen schildert Lenz hier in eigenen Worten und Gedanken. Er nimmt dabei zwei verschiedene Zustände an: einen Zustand der Kultiviertheit und einen natürlichen Zustand.

    Bezogen auf die Wahrnehmung der Natur verhalten sich die beiden Zustände gänzlich unterschiedlich: Der zunehmend kultivierte Mensch nimmt die Natur als unbelebt und objektiv wahr; der natürliche Zustand sieht in allem eine elementare Kraft und Harmonie. Je mehr sich jemand geistig entwickelt, umso weiter entfernt er seine Wahrnehmung von der Empfänglichkeit für das ihn umgebende Leben.

    Auf der anderen Seite hält er den natürlichen Zustand nicht unbedingt für erstrebenswert, denn er macht unselbstständig. Der unheimliche und nicht erreichbare Drang, Einblick in diese ihm verborgene und verfremdete Harmonie des Lebens in allen organischen Wesen zu bekommen, ist der Stachel, der sich in Lenz' Persönlichkeit bohrt und ihn nicht zur Ruhe kommen lässt.

    Quelle: Büchner, Georg (1999): Sämtliche Werke. Lenz. Kapitel 1.

  • Bestimme, welche Funktionen die anderen auftretenden Personen im „Lenz“ haben.

    Tipps

    Was bewirken die zwei Szenen mit den anderen Talbewohner/-innen in Lenz? Wer übernimmt die Vaterrolle während seines Aufenthalts? Und welche Rolle spielt der idealistische Freund Kaufmann?

    Lösung

    Die anderen Personen in der Erzählung sind eindimensional, wenig lebhaft und haben nur die Funktion, Lenz stärker zu kontrastieren: Er mit seinem unendlichen, wirren Gefühlschaos, mit seinen detailliert beschriebenen Gedanken weiß nicht, wie ihm geschieht; will eine Lösung für seine Probleme finden, die er nicht in Worte fassen kann; findet allerdings nur heraus, dass Gott ihm diese Antworten nicht geben kann: In den zwei Szenen mit anderen Talbewohner/-innen wird die Sinnlosigkeit seiner Sinnsuche offenbar. Das zeigt sich auch bei Oberlin, der, als Pfarrer um sein Seelenheil besorgt, machtlos ist.

    Der Freund Kaufmann stellt zwar den Idealismus dar; auch er hat aber keine Antworten auf die Probleme von Lenz. Das Kunstgespräch endet nicht mit einem Triumph von Kaufmann. Die beiden Weltsichten verstehen einander nicht.

  • Analysiere den folgenden Textausschnitt auf personales Erzählen und erlebte Rede.

    Tipps

    Die Erzählstimme in der Geschichte ist persönlich: Sie schreibt in der Er-Form durch die Augen der Person und ist daher eigentlich nicht allwissend. Die erlebte Rede gibt die Äußerungen von Lenz wieder: Meist an andere gerichtet, halb an sich selbst, vermittelt zwischen der indirekten und der direkten Rede.

    Der gesamte Text muss markiert werden.

    Lösung

    Büchners Erzählung war auch deshalb so erfolgreich, weil er ein relativ neues erzählerisches Mittel anwandte, das uns Leser/-innen den Einblick in die geisteskranke Welt seiner Hauptfigur gewähren konnte. Denn er springt in der Erzählung häufig zwischen personaler Erzählperspektive und erlebter Rede hin und her.

    • Die personale Erzählperspektive schlüpft dabei in die Perspektive des Protagonisten und erzählt in der Er-Form aus dessen Perspektive, meist ohne Dinge außerhalb seiner Wahrnehmung erwähnen zu können. Diese personale Erzählstimme begleitet Lenz überall dorthin, wo er hingeht.
    • Fängt Lenz aber an zu sprechen, wird seine Rede zu einer erlebten Rede: Häufig wissen wir nicht genau, ob er nun eigentlich zu sich oder zu anderen spricht. Beinahe klingt es wie indirekte Rede, doch dann steht da die Ich-Form und die höfliche Sie-Form. Es wird also durchaus eine Redesituation dargestellt, die über die ganzen schnellen Gedankensprünge, die Lenz macht, hinweghelfen soll. Die erlebte Rede ermöglicht dabei einen klaren Einblick in die Gedanken der sprechenden Person.
    Quelle: Büchner, Georg (1999): Sämtliche Werke. Lenz. S. 100.

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